Jakob
Jakob

Jakob war, soweit sich seine Geschichte zurückverfolgen lässt, ein eigensinniger Junge, von dem gesagt wurde, dass er mehr träumte als arbeitete und zum Unglück seiner Eltern Künstler werden wollte. Ein Umstand, der offensichtlich darauf zurückzuführen war, dass in seinem 12. Lebensjahr bei ihm zu Hause ein rumänischer Bildhauer auftauchte. Dieser war zu Fuss auf dem Weg nach Paris.
Der Rumäne blieb mehrere Wochen, bis Schnee und Eis eine Weiterreise möglich machten. Da auf den Feldern nichts zu tun war, sass man herum und wartete auf den Frühling. Ohne Arbeit waren die Tage und Abende im Winter lang. Um etwas zu tun zu haben, erzählte man Geschichten. Wenn die Kommunikation zwischen der in pfälzischem Dialekt sprechenden Deutschen und dem Rumänen schwierig wurde, schwieg man sich aus. So bemerkte der Rumäne die zeichnerischen Fähigkeiten Jakobs wohl schon bald und unterstützte ihn in seinen Bildern und Entwürfen.
Jakob war der ältere Bruder meines Grossvaters. Er wurde 1892 in Werbass geboren, einem Städtchen in der Batschka, gelegen zwischen Donau und Theiss, im südlichen Teil der Donaumonarchie. Die Gegend  wurde mit Deutschen kolonisiert, die als Wehrbauern das Land gegen die Türken sichern sollten. Die deutschen Aussiedler waren oft verarmte Protestanten, die von der österreichisch-ungarischen Krone mit der Aussicht auf eine Existenz angeworben wurde. Diese Aussicht war besser, als zu Hause zu hungern oder sich als Soldat anwerben zu lassen, um im amerikanischen Bürgerkrieg zu kämpfen.
Auf der Donau fuhren sie also von Ulm aus mit einer Ulmer Schachtel ins gelobte Land, legten Feuchtgebiete trocken und bauten Siedlungen und Fabriken. Die Türken kamen nicht wieder. Es gab jeden Tag Fleisch und Brot. Kartoffeln aß man nur vor Hochzeiten, um sich den Magen zu dehnen. Denn es war sehr unhöflich, an so einem Tag wenig zu essen.
Jakob und der Rumäne bauten in diesen Wochen des Winters 1904 auch Objekte aus Gips und Holz, die die Muster und Ornamente der batschkaer Trachten aufnahmen. Da die Eltern zurückhaltend und sich ihrer eigenen Geschichte bewusst waren, die aus armen Verhältnissen in ein Leben in Wohlstand geführt hatte, hielten sich mit ihrer Meinung solange zurück, bis der Rumäne gegangen war. Dann steckte der Vater Jakob in die Lehre bei einem Schlosser. Sie sahen in dem rumänischen Künstler nicht mehr als einen Landstreicher.
Jakob beendete seine Lehre 1908, ging auf Wanderschaft und verschwand. Ein Lebenszeichen kam aus Nizhny Novgorod in Russland, wo er bei einem Bauunternehmer Arbeit fand. 1914 ging er von dort in die USA, wo sich seine Spur verliert. Es existiert kein Foto von ihm. Die Batschka kam zu Yugoslavien und meine Familie floh vor den Russen nach Deutschland. Eine Skulptur von ihm hat überlebt und lag lange im Bücherregal im Wohnzimmer meiner Eltern.