Schlaefer
„Schläfer“ mixed media, Soundfile, 185 x 95 x 105cm, 2005
Des Todes kleinen Bruder
Michael Krajewski

– so nennt man zuweilen den Schlaf: vollkommene Passivität, Ohnmacht und vermeintlicher Stillstand von Geist und Körper bilden den Gegenpol zu Dynamik, Energie und Leben. Doch im Abtauchen aus Alltag und Klarheit in Traum und tiefere Schichten des Bewußtseins schöpft der Schläfer Kraft. Wehrlos und Versunken ist ihm der Schlaf eine Phase der Zurückgezogenheit, der persönlichen Abkapselung, ja Intimität. Das spiegelt sich meist im Ort des Schlafes. Gleich ob Liegestatt, Nest, Matratze, Höhle oder Bett, meistens taugt er wenig zur Repräsentation. Der Schlafbereich, den sich jeder Mensch selbst einräumt, zurechtmacht und mit Habseligkeiten ausstattet, läßt unmittelbarere Rückschlüsse auf die Bewohner und ihre Bedürfnisse zu als jeder andere Raum des Hauses. Jörg Wagner agiert an der Grenze von Leben und Ästhetik, die sich definieren läßt als Linie zwischen Skulptur und Architektur, indem er sich Architektur als Erzählraum wie auch standardisiertem Element urbaner Zivilisation zuwendet. So evozierte er mittels belichteter Papierbahnen Lebensspuren in bewohnten Interieurs und schälte aus Styroporblöcken ein funktionstüchtiges, aber anonymes Hotelzimmer. In der Folge solcher betret- und benutzbarer Archi-Skulpturen steht auch seine jüngste Arbeit „Der Schläfer“: Das Gehäuse für eine Person, die Oberfläche leicht mattglänzend, suggeriert keine technoide Eleganz, kommt bürokratisch grau und nüchtern daher. Erst wer sich hineinlegt, den Deckel schließt, wird langsam des simulierten Atmens eines Schläfers gewahr.
Mit dem Assoziationsraum entspinnt er eine Geschichte, die nicht die Faszination für modernistisches Design und Architektur in ihrer funktionalen Disposition ausdrückt, sondern sein Interesse an ihrem narrativen und sozial konstituierendem Potential.
Schon als filmischen Topos kann man Schläfer im Science-Fiction-Genre bezeichnen; Kapsel, Kokon oder Schale umhüllen den Schlafenden, entrücken ihn von der Außenwelt, erhalten ihn am Leben. Die Ruhekapsel ermöglicht zugleich Schutz und Abgrenzung, liefert zugleich den Schlafenden der kontrollierend lenkenden Macht vollkommen aus. Sie erscheint so neben dem biologischen, nahezu archetypischen Symbol für Wachstum und Leben als Verfestigung körperlicher, aber auch kultureller oder sozialer Grenzen.
Berühmt ist der Auftakt von Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ (1969): Die „Discovery“ auf dem Weg zum Jupiter. Der allmächtige Bordcomputer HAL weckt die in Tiefschlaf versetzten Astronauten aus ihrem Schlafkapseln; auf dem Mond habe man einen Monolithen entdeckt. Nun setzt sie Handlung ein … Unheilverkündend der Beginn von „Alien“ (1979): Die Crew wird aus dem Kälteschlaf geholt, ein SOS-Signal veranlaßt „Mutter“, den Computer des Frachters, eine Kursänderung vorzunehmen …, bevor der Zuschauer es richtig versteht, hat der Todeskampf der Crew begonnen. Des Todes kleiner Bruder – das Sprichwort erhält eine neue Bedeutung.