dugout
"dugout" Lichtpauspapier 650x380x240cm 1999
Der 1967 geborene Jörg Wagner arbeitet mit Licht. Er speichert die Verteilung der Gegenstände in einem realen Raum, indem er ihn mit Papier ausschlägt, das vorhandene künstliche Licht einschaltet und die Schatten der Objekte auf dem Papier speichert. Die in den Ausstellungen präsentierte Skulptur ist oft ein begehbarer Papierraum, an Wänden und Decke bevölkert von den Schatten der fehlenden Gegenstände. In seiner zweiten Einzelausstellung in der Kölner Galerie von Luis Campana präsentiert Jörg Wagner eine perfekte, ökonomische und lustvoll erzählte Skulptur: ‹dugout›.
Nur wer im Licht ist, ist zu sehen. Die anderen, die sieht man nicht. Diesen Brechtschen Darwinismus der Dreigroschenoper haben wir lange überwunden. Wenn wir etwas erkennen wollen, machen wir das Licht an. Wir nutzen selbstverständlich das immaterielle Spiel des Lichts mit den Gegenständen und die Tatsache, dass dabei Schatten entstehen, um uns im Raum orientieren zu können. Als wir noch in Höhlen sassen – Platons Version unserer Vorzeit – interpretierten wir die Schatten an den Höhlenwänden und erzählten uns deren Geschichten. Die Arbeit von Jörg Wagner besteht darin, die Lichtschatten zu speichern, sie transportabel zu machen, um uns eine Geschichte zu erzählen: eine Geschichte der Skulptur als der Metapher für unsere Weise, uns im Raum auszubreiten, damit eine Erzählung des Raums, der immer um einen herum ist und schliesslich eine Geschichte der Menschen, die mit dem jeweiligen Raum in Verbindung standen. Wagner hält Schatten mit alter Blaupausentechnik fest. Nachdem ein Raum komplett mit Lichtpauspapier ausgeschlagen wurde, lässt er das vorhandene künstliche Licht brennen und überlässt die Dinge ihrem sonst unbeobachteten Zeitvertreib – die Gegenstände werfen Schatten. In einem tagelangen Prozess verschwindet die spezielle Emulsion des Pauspapiers an den Stellen, an denen kein Schatten das Papier traf. Anschliessend werden die Pauspapierbahnen zusammengerollt, belichtet und wieder in den Umrissen des Raumes – Decke, Wände, Boden – zusammengefügt, so dass sich der ‹Schattenraum› als eine seltsam virtuelle Dublette zum ‹wahren› Raum präsentiert. Der Papierraum ist vollkommen leer und doch sind alle Gegenstände anwesend: in ihrer Schattenexistenz an den Wänden, der Decke, am Boden. Verzerrt vom jeweiligen Lichteinfall und der Position der künstlichen Lichtquelle erscheint vor uns ein ‹dugout›, das in den Sandstein gehauene Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer eines Opalschürfers in der australischen Wüste. Die Skulptur gibt die reale Grösse des Raumes in 380 cm Breite, 620 cm Länge und 240 cm Höhe wieder. Die Schemen der Schatten sprechen eine verklausulierte Sprache, sie erzählen vom unverwechselbaren Ort eines Menschen. Die Skulptur von Jörg Wagner zeigt den privaten Raum eines uns unbekannten Menschen in seiner ganzen volatilen Flüchtigkeit – dem notwendigen Pendant zur vermeintlichen Stabilität des steinernen Unterschlupfes. Bei der ökonomischen Perfektion auch dieser neuen Skulptur liegt der Gedanke nahe, in Jörg Wagner einen Wahlverwandten eines vom Licht der Westküste inspirierten amerikanischen Künstlers wie James Turrell zu sehen.
Frank Frangenberg in Kunst-Bulletin 7/8 1999