bedroom
"bedroom" Lichtpauspapier 290x580x295cm 1998
Zur Zeit ihrer Erfindung wurde die Photographie auch Zeichenstift der Natur genannt, weil man die ersten gelungenen Photoexperimente als sich selbsterschaffende Lichtbilder bewunderte. Jörg Wagner setzt den umgekehrten Prozeß, die Schattenbilder der Lichtpause, gleich als raumschaffendes Verfahren ein. Er packt komplette Räume in lichtempfindliches Papier, richtet sie wieder ein, paust sie ab und baut die fragilen Papierräume dann wie Zelte auf.
Damit zitiert er nicht nur die Vervielfältigungstechnik der Architekten, sondern auch die sprachlichen Niederschläge des Lichts, die etwa in „Lichten“ als „Raum schaffen“ oder im „lichten Maß“ als der „Abstand zwischen Dingen“ noch nachwirken. Schon ist man mittendrin sich über die Metaphysik des Lichts, die Symbolik des Schattens oder alchimistische Umwandlungen Gedanken zu machen. Die malerischen Qualitäten der Lichtpause mit ihren feinen Farbverläufen, die nie Schwarz erreichen, die weichen Ränder der Schatten oder die Verzerrung sind Elemente, die die Räume und Gegenstände gegenwärtig und fremd gleichzeitig machen. Das Staunen ist die Freude über das Entschlüsseln des Rätsels und das Wiedererkennen der Formen über ihre Umrißlinien. Zur Inszenierung gehört auch die Anordnung: Zunächst umrundet man eine weiße Papierwand, um dann auf einen Eingang und im Inneren nicht nur auf das Abbild eines Raums, sondern einen Raum samt Boden, den die Abbilder bilden, zu treffen.
Bislang hatte Wagner von ihm bewohnte Räume, die er „eigene“ nennt, abgelichtet und so sein privates Umfeld zur Arbeitsgrundlage gemacht. Stationen wie  Abstellkammer (1996), Jugendzimmer (1996) oder Zweiter Stock, rechts (1997) verweisen zwar auf Biographie, Orte oder architektonische Eigenarten - das diskursive oder persönliche Umfeld löst sich aber in der schwarz-weißen Schattenwelt in Repräsentationsfragen auf. Die Titel der Ausstellung hinten und der Arbeit bedroom (1998) beziehen sich auf das Schlafzimmer der Galeristen in den unmittelbar an die Galerie angrenzenden Wohn- und Lagerräumen. Dadurch werden systemanalysierende Eingriffe zitiert, etwa Michael Asher, der seit den sechziger Jahren den Ausstellungsort selbst zum Medium machte, 1974 die Trennwand zwischen Ausstellungsraum und Büro der Claire Copley Gallery in Los Angelos einriß und so nicht nur Organisation und Vertrieb, sondern auch die dort arbeitenden Menschen ins Blickfeld rückte.
bedroom verweigert diesen Realismus. Der Übergang zwischen privat, gesellschaftlich, institutionell ist so fließend, daß man ihn kaum wahrnimmt. Die Arbeit zeigt ein Verfahren, das mit seinen ästhetischen Reizen protzt und sich skulpturalen Ideen verpflichtet gibt. Der bildhauerische Gedanke des Abformens führt die Gleichmäßigkeit des Baurasters im Gebäude, einem der frühen Betonhochbauten Deutschlands vor. Da Deckenstreben im Ausstellungsraum denen im Schlafzimmer entsprechen, füllen die Lichtpausen nicht nur die Raumhöhe des Galerieraumes aus, sondern nehmen auch die Eigenarten der Decke auf. Das Schlafzimmer paßt exakt in die Galerie. Trotzdem eröffnet die Verschiebung der Räume wenig institutionellen Kontext. Der Blick auf Einrichtungsgewohnheiten aktiviert vielmehr das Wissen des Betrachters: wie Schuhe aufgereiht werden, wie das Bügelbrett hinter dem Schrank verschwindet...
Gabriele Mackert Paradex 0, Juni 1998