Philip Staufen
"Philip Staufen" Lichtpauspapier, 295x390x270 cm, 2004
Ab jetzt
Tilman Rammstedt

Ich kenne Philip Staufen nicht. Leider bin ich mir da ganz sicher. Leider kann man da nichts machen. Ich schaue auf das Foto in der Zeitung, das Foto, das wieder erkannt werden soll, das Foto, bei dem man rufen soll: Mein Gott, ist das nicht Philip, das Foto, von dem man hofft, dass es sich so bald wie möglich überflüssig macht, doch ich kann nichts wieder erkennen, ich kann nichts rufen, weil ich Philip nicht kenne, weil ich ihn noch nie gesehen habe, und ich, so leid es mir tut, nicht der bin, durch den das Foto überflüssig wird. Philip und ich haben nicht gemeinsam im Sandkasten gespielt und uns dann Jahre später nicht zufällig auf der Straße getroffen und ein paar holpernde Sätze voller Pausen gewechselt. Philip und ich sind nicht gemeinsam in den Urlaub gefahren, Campen zum Beispiel, nach Schweden zum Beispiel, um uns dort wegen irgend etwas, sagen wir einer ausgelaufenen Flasche Apfelsaft, zu streiten und fast die ganze Rückfahrt über zu schweigen. Philip und ich hatten nicht den gleichen Heimweg, keine gemeinsame Buslinie, keinen Hausarzt, bei dem wir zeitgleich mit Windpocken im Wartezimmer saßen, während unsere Mütter sich wissend anlächelten. Philip und ich haben nicht im gleichen Sommer als Gärtner gearbeitet und sind nicht hinterher noch manchmal was trinken gegangen. Philip war nicht der Austauschschüler, der sich überschwänglich verabschiedete, obwohl wir kein Wort miteinander gewechselt hatten, er war nicht der kurzzeitige Liebhaber der kleinen Schwester, den ich am Morgen verschämt ins Bad huschen sah, er war keiner der insgesamt vierundzwanzig Bewerber für das freigewordene Zimmer, er bediente in keinem Café, fragte mich nie nach dem Weg oder Feuer, wurde nie von mir nach Weg oder Feuer befragt, er saß mir nie im Zug gegenüber, wir hatten nie einen Fahrradunfall, nie eine dritte Begegnung am gleichen Tag, bei der man sich auf einmal grüßt. Philip und ich haben nie Pläne geschmiedet, uns nie etwas versprochen, uns nie endlich mal die Wahrheit gesagt, ich habe nichts auf Philips Gipsbein geschrieben und er nichts auf mein Federmäppchen, nie haben Philip und ich uns versichert, in irgendwen beim besten Willen nicht verliebt zu sein, nie wusste Philip, dass ich später noch mal anrufen würde, nie hatte ich etwas erlebt, um es hinterher Philip erzählen zu können, und nie haben wir uns bei Dritten über den anderen beklagt.
Philip und ich haben uns nie gegenseitig die Personalausweise aus der Hand gerissen, um sich über das Foto des andern lustig zu machen. Es gibt keine betrunkenen Schnappschüsse von uns, wir stehen nirgendwo vor dem Louvre, nicht auf der Karlsbrücke, vor keinem walisischem Ortsschild. Nichts war so, und weil nichts so war, weil ich Philip nicht kenne, weil ich mir da leider sicher bin, kann ich Philips Foto in der Zeitung nicht mit Philip vergleichen, ich kann nicht sagen: Kürzer sah besser aus, ich kann nicht sagen: Den Pulli hat er also immer noch, und auch nicht: Bisschen zugelegt hat er ja. Ich kann nur vor dem Foto sitzen und nichts wieder erkennen und nichts vergleichen, denn auf dem Foto sind ja Philips Haare immer gleich lang, und er trägt immer den gleichen Pulli und sein Gewicht ändert sich nicht, auch nicht, wenn ich sehr lange hinschaue, bis zu zwei Stunden, auch nicht, wenn ich zwischendurch kurz wegsehe, auch nicht am nächsten Morgen, nicht am übernächsten und auch nicht an dem danach. Daran ändert sich nichts, wenn ich es ausschneide, wenn ich es in mein Portemonnaie stecke und in den Mittagspausen, im Bus, beim Warten betrachte, wenn es mir ab und zu aus dem Portemonnaie fällt, beim Geld suchen zum Beispiel, wenn mich Menschen fragen, wer denn das sei, mein bester Freund vielleicht, oder mein Bruder, und ich sage: Ja, mein bester Freund. Ja, mein Bruder, und die Menschen sagen: Der sieht aber nett aus, und: Das sieht man, ihr habt das gleiche Kinn, und ich antworte: Der ist auch wirklich nett, und: Ja, das ist das Kinn meines Großvaters mütterlicherseits. Und mit den Monaten ist das Foto dann ganz verknickt und eingerissen und vielleicht schon ein bisschen verblasst, vielleicht auch so verknickt und verblasst, dass weiße Linien über Philips Gesicht laufen und man Philip mit der Zeit gar nicht mehr erkennen kann.
Dann würde ich mich endlich an Philip erinnern, dann würde ich endlich sagen können: Das war Philip auf dem Foto, und wenn es dann noch einmal heraus fällt, und Menschen mich fragen, was das für ein verknickter Zettel sei, dann sage ich: Das ist ein Foto von Philip, wir haben uns leider aus den Augen verloren. Und die Menschen nicken und sagen, ja, man verliert sich aus den Augen, und dass sie das kennen, und man sich einfach mal wieder melden müsste.
Ich muss mich wieder bei Philip melden, weil er sich doch nicht bei mir melden kann, ich muss ihn suchen gehen, weil er mich doch nicht suchen kann, ich muss ihm alles zeigen, weil er doch nichts mehr weiß. Ich muss mich vorbereiten. Ich muss ihm zum Beispiel zeigen, was ein Kühlschrank ist. Ich muss herausfinden, wie ein Kühlschrank funktioniert, damit ich ihm das genau erklären kann, und ich muss ihm zum Beispiel zeigen, was Wolken sind, und ich muss das mit dem Verdunsten noch einmal nachlesen, damit ich es ihm auch ja richtig erkläre, ein Lexikon muss gekauft werden, auf Dokumentationen muss geachtet werden, es müssen Fachleute befragt werden. Und ich muss mir schnell einen Hund kaufen, um ihm Hunde erklären zu können, das kann man ja nur aus eigener Erfahrung, da hilft kein Lexikon, und ich muss zum Friseur, um ihm erklären zu können, wie es sich anfühlt, wenn man sich die Haare ganz kurz geschnitten hat und erschreckt in den Spiegel sieht, wenn der Friseur sagt: Sieht doch gut aus, wenn er sagt: Ist vielleicht nur noch etwas ungewohnt. Ich muss mich heftig verlieben, und ich muss mir ein Bein brechen, und ich muss meine Mutter fragen, wie Königsberger Klopse gehen. Ich muss dringend noch einmal Seestern essen, weil ich mir auch da nicht mehr sicher bin, und ich muss auf ein Schiff, ich muss die Knoten lernen, ich muss eine Seekrankheit überwinden. Ich muss mit dem Rauchen anfangen und es mir wieder abgewöhnen, um sagen zu können, dass die ersten Tage die schlimmsten seien. Ich muss einen Boxkampf verlieren. Ich muss einen Tanz lernen. Ich muss auf einen Berg steigen. Ich brauche Kontaktlinsen und eine Marienerscheinung. Ich muss Folgen Sie diesem Wagen sagen und Keine Sorge, ich hole dich hier raus, und dann muss ich tatsächlich jemandem folgen und jemanden irgendwo herausholen, das gehört alles zur Vorbereitung. Schau, Philip, so funktioniert der Aktienmarkt. Schau, Philip, das ist ein Melophon. Schau, Philip, das ist mein Jüngster. Ich muss sehr viel herausfinden, und ich darf nichts vergessen, denn das Vergessen muss ich Philip nicht zeigen, da macht ihm keiner was vor. Und wenn ich mit dem Herausfinden fertig bin, dann gehe ich Philip suchen, das wird hoffentlich nicht schwer sein, und dann finde ich ihn und sage: Schau, Philip, das ist ein Kühlschrank, und Philip sagt, dass er das wisse, weil er es, während ich mit Herausfinden beschäftigt war, längst selbst herausgefunden hat, und ich sage: Schau, Philip, das ist ein Labrador, und er sagt, dass er auch das wisse, und ich sage: Schau, Philip, so gehen Königsberger Klopse, und Philip sagt: Ach so.
Und dann werden wir die Königsberger Klopse essen, und Philip wird anfangs etwas nervös sein, das macht nichts, das bin ich auch, und nach einer Zeit wird er vorsichtig fragen, ob wir uns denn kennen würden, und ich werde ihn überrascht ansehen und sagen: Weißt du denn nicht mehr, wie wir damals nicht im Sandkasten spielten? Weißt du denn nicht mehr, als wir nicht in Schweden waren? Weißt du denn nicht mehr meine fehlende Unterschrift auf deinem Gipsbein, weißt du denn nicht mehr der leere Platz gegenüber im Wartezimmer des Hausarztes? Das war ich.
Und ich werde ihm zum Beweis Fotos zeigen, auf denen er nicht ist - Weißt du denn nicht mehr, Philip, wie du da nicht dabei warst? - und alte Adressbücher, in denen sein Name nicht auftaucht - Weißt du denn nicht mehr, wie wir uns nicht geschrieben haben? - und ich werde ihm die Refrains der Lieder vorsingen, die wir nicht miteinander gehört haben, und die Titel der Bücher aufzählen, die er mir nicht geliehen hat - Die musste ich mir alle selber kaufen, Philip! - und ich werde auf meinen Schneidezahn zeigen und sagen: Siehst du nicht, dass er ganz ist? Weißt du nicht mehr, wie du ihn mir damals nicht aus Versehen mit dem Tennisschläger abgebrochen hast? Und ich werde ihn ungläubig anschauen, das könne er doch nicht alles vergessen haben, und er wird an seinem Getränk nippen oder sich mit der Servierte über den Mund fahren und dann sagen, leise sagen wahrscheinlich: Doch, all das wisse er noch. Er erinnere sich genau an alles, das nicht war; er wisse noch alles, das fehlt. Er wird sagen: Ich erinnere mich so gut, als ob all das gestern nicht gewesen wäre.
Und ich werde lachen und sagen: Siehst du, Philip, du weißt es noch, du weißt das noch alles. Und Philip wird, etwas schüchtern, fragen, ob er sich recht erinnere, dass wir nicht zusammen in einer sehr schlechten Band gespielt hätten, er nicht an der Gitarre und ich nicht am Bass, und ich werde rufen: Stimmt, die schlechte Band, in der wir nicht spielten, wie hieß sie noch gleich? Und wir werden versuchen auf den Namen zu kommen, und wir werden ihn nicht finden, und wir werden viele solcher Erinnerungen austauschen und mit der Zeit etwas wehmütig werden, und dann, wenn es draußen schon längst wieder dämmert, wenn wir uns verabschieden, werde ich sagen: Ab jetzt dürfen wir uns nicht aus den Augen verlieren, und Philip wird sagen: Nein, ab jetzt nicht mehr.