Jugendzimmer
"Jugendzimmer", Lichtpauspapier, 1997/99
„Sie haben mich eingeladen, zu Ihnen über ‚Frauen und Dichtung‘ zu sprechen, und werden sich fragen, was das mit dem Thema zu tun hat, das ich behandeln werde - einen Raum für sich selbst? [...] Alles was ich sagen kann, ist ein scheinbar vernachlässigenswerter Gesichtspunkt - eine Frau muß über [...] einen Raum für sich selbst verfügen, um zur Dichterin zu werden. Ein Schloß vor der Tür bedeutet die Macht, eigene Gedanken zu entwickeln.“ Ein Künstler, so könnte man die Gedanken Virginia Woolfs übertragen, muß über einen eigenen Raum verfügen, um zum Künstler zu werden. Jörg Wagner legt mit der Arbeit „Jugendzimmer“ die Vermutung nahe, daß er in seiner Jugend einen Raum für sich selbst hatte, in dem er die Tür hinter sich verschließen konnte, um eigene Gedanken zu entwickeln. Glaubt man dem Soziologen Ulrich Beck, dann war dieses Zimmer möglicherweise prägend für die künstlerische Veranlagung Jörg Wagners. Denn „im Ringen um den ‚eigenenRaum‘ [...] geht es um die Errichtung und Sicherung eines inneren Raumes - als Voraussetzung des eigenen Lebens.“ Jörg Wagner gehört zu jener Generation, die von der Wohnraum-Revolution profitierte, die in den fünfziger Jahren ansetzte und bis heute jedem Bundesbürger im Durchschnitt eine Wohnfläche von über 30 m2 bescherte. Betritt man seine frei in den Raum gehängte Papierinstallation „Jugendzimmer“, fällt die spärliche Ausstattung auf: ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, eine Kommode. Eine Tür samt Schloß fehlt, Wände, Decke und Boden sind aus Papier, das kaum mehr als eine Installation übersteht. Es ist reiß- und schmutzempfindlich, licht- und geräuschdurchlässig und erfüllt damit weder das Klischee der Entwicklungspsychologen und Soziologen vom geschlossenen Refugium, noch die Anforderungen, die in unseren Breiten an die eigenen vier Wände gestellt werden. Diese scheinen hier einer Membran zu gleichen, die zwischen Innen und Außen vermittelt. Mit den Arbeitsgängen des Abformens und Errichtens bewegt sich Jörg Wagner an der Schnittstelle zwischen Architektur und Bildhauerei. Die Schattenbilder der Lichtpause befördern in ihrer zwischen Schwarz und Blau changierenden Farbigkeit einen malerischen Aspekt. Aufgrund seiner formalen Mittel und des aus kunsthistorischen, soziologischen und biographischen Bezügen markiert Jörg Wagners „Jugendzimmer“ eine wichtige Position in einer immer aktuellen Debatte. Die Assoziation des auf- und abschlagbaren Zeltes nomadischer Kulturen drängt sich auf. Zugleich führt das Papier und dessen Luizidität die Gedanken zur japanischen Kultur, in der Papier ein wichtiger Kulturträger ist. So gesehen überrascht es nicht, daß der Künstler im Sommer 1998 drei Monate in Japan verbrachte. Ein erstes Ergebnis dieses Arbeitsaufenthaltes war die Nachbildung einer japanischen Hotelkapsel in den Maßen von 1x1x2m, wie sie einmaligen Übernachtungsgästen angeboten wird. Mit seinen bisherigen Räumen steht Jörg Wagner in einer ganzen Reihe von Künstlern, die sich mit dem Thema Wohnen oder BeHausung beschäftigen. Zu Dan Graham etwa führt die Verbindungvon minimalistischer Form und gesellschaftlich relevanter Thematik: Wagners Räume sind einfache, begehbare Kuben, die u.a. auf die Reflexion des Betrachters über sein Verhältnis zu den anderen Anwesenden, von Innen und Außen oder von Privatheit und Öffentlichkeit zielen. Mit Rachel Whiteread verbindet ihn hingegen der Aspekt der Negativabformung, sowohl der Wände als auch der Möbel. Der Entstehungsprozeß der einzelnen Räume besteht aus mehreren Schritten. Mit seinem Rohstoff, beschichtetem Papier, legt er ein zuvor ausgeräumtes Zimmer aus. Danach wird das Mobiliar an seinen ursprünglichen Platz zurückgestellt. In weiteren Arbeitsschritten werden die beschichteten Papierbahnen belichtet und abgenommen. Die Stellen, an denen bei der Belichtung das Mobiliar stand, werden entwickelt und die Schattenrisse der Möbel werden sichtbar. Am Ausstellungsort selbst montiert er die Papierbahnen dann zum kompletten Zimmer. Ähnlich knapp wie seine großen Papierinstallationen kommt seine kleinformatige unbetitelte Filzstiftzeichnung in der Artothek im Bonner Kunstverein aus: lakonisch in geraden, sicheren Strichen ist ein Haus festgehalten. Mit starker Perspektive, klein in die Mitte der Papierfläche gebracht, reflektiert die Zeichnung ebenso wie die Installationen die Umstände der Wahrnehmung von Räumen.
Philipp Wittmann / Johannes Stahl, Artothek im Bonner Kunstverein 1999