Geld
"Geld" Lichtpauspapier 150x240 Video 1.51min, 2002
(Nicht)kommunizierende Gefäße
Gabriele Mackert

Kunst und Leben - die beiden ungleichen Schwestern - finden in der Erzählung zusammen. Drängten in den sechziger Jahren Kunst und Künstlerinnen auf der Suche nach Freiräumen expansiv aus Museen und Ateliers in die Randzonen und Unorte auf der Suche nach Nullstätten, die noch zu definierenden Platz boten, geht die Arbeit an biografischen Bruchstücken einen umgekehrten Weg: Das Zitat holt methodisch elegant den Weltbezug ins Werk und in den neutralen Kunstraum. Der White Cube wird zum Nistplatz einer Hybridform zwischen Dokumentation und weiterspinnenden Fakten, Metamorphosenort von Realität und Imagination. Wie ein Umweg im Lauf der Geschichte, eine Abschweifung der  Dinge. One possible exit.
Das Kunstwerk als erzählerische Möglichkeit entgrenzt den Raum des Autonomen. Es verknüpft sich sozial und ästhetisch-sprachlich. Man kann dabei Erzählen sehr grundsätzlich definieren als das, „was jeder über irgend etwas, das auf irgendeine Weise geschehen kann, geschehen ist oder geschehen wird auf irgendeine Weise zu sagen hat“, oder es spezifisher schlicht als Brücke zwischen unterschiedlichen Kategorien begreifen: Malerei, Skulptur und Architektur nennt man die Künste des Raumes, um sie von den zeitorientierten Gattungen wie Musik und Film abzugrenzen. Die (Video-)Installation als Zeit-Raum-Kontinuum durchbricht diese traditionelle Aufteilung und verlangt vom Betrachter ohne Umschweife Raumerkundung, Ortsbestimmung, Verweilen, Anschauung, Perspektive gar. Alles auf einmal und zusammen ist deis auch die Frage nach Präsenz des Werks begriffen als Dialektik des zeitlichen Zusammentreffens der verschiedenen Komponenten. Hier ließe sich eine Analyse der räumlichen, visuellen und eben erzählerischen Strategien zusammendenken, wie z.B. die Entsprechungen von Dehnung oder Zeitsprung als Mittel der Rhetorik in Raum und Bild und eben nicht nur in der Sprache.
Raum wird als Struktur analysiert. Als solcher dient er hervorragend der Analogieblidung. Die über die Jahrhunderte entwickelte ausgefeilte Metaphorik ergreift alle Gebiete und beschreibt z.B. auch Gedächtnis arhitektonisch als Abfolge von Orten (Behälter) und Bildern (Inhalte). Eine vielzitierte, antike Memorierungsmethode empfiehlt, das zu lernende Wissen auf Räume eines imaginierten Hauses zu verteilen. Die Verknüpfung speichert die Tatsachen in den entsprechenden Räumen visuell. Erinnerung ist dann nur ein Gang durchs fiktive Gebäude und Gedächtnis weniger ein Instrument zur Erkundung der Vergangenheit, sondern ein Medium, in dem diese mitunter aufscheint.
Das moderne Ich ist ein schwankendes Bauwerk. Erinnerungsfetzen halten es notdürftig zusammen. Die großen Erzählungen sind alle überliefert - und man sollte dies auch als „zu oft zugestellt“ interpretieren, ohne gleich den Brief, der immer seinen Adressaten findet, mitzudenken - jedenfalls haben wir ganz stark das Gefühl nicht mehr in sie eingebettet zu sein. Der Lebenslauf wird zur Sammlung des Zufälligen und Beliebigen, gefunden und improvisiert. Diskontinuität bestimmt den Fluss der Alltagserfahrung. Gesellschaftsromantiker beschreiben die Gefahr der allzeit flexiblen Anpassung an neoliberale Wirtschaftserfordernisse symptomatisch als Verlust abgerundeter Lebenserzählungen, die plausibel machen, wie jemand das wurde, was er ist, trotz aller Schicksalsschläge oder gerade durch sie. Nun entwickeln sich da keine grossen Charaktere, keine hohen Ideale mehr. Sicherheit und Geborgenheit bleiben rücksichtslos auf der Strecke. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, daß es schon immer darum ging, mit dem Schritt zu halten, was die Maschinen der Neuzeit vom entfremdeten Arbeiter verlangten. So erscheint auch die aufmunternde Formel aller gutmeinenden Psychologen „werde was du bist“ in einem völlig anderen Licht und keineswegs im Sinne eines Arbeitens an sich selbst, am eigenen Universum. Immer nur waren es die anderen, die den Ton angaben, die die Geschichte (unter sich) ausmachten. Also auf zu Neuem: Reisen als Ausweg, als Aufbruch, als Übertreten der Schwelle, ungekannte Horizonte, Erfahrungen usw., die ganze unendliche Geschichte des Eskapismus und der rettenden, weil einsamen Insel. Das Fremde lockt (Bloß weg von hier!) und bietet doch die Rückkehr ins Eigene - „denn immer noch hat man seine Bibel bei sich, seine Kindheitserinnerungen und sein übliches Reden“. Gut wenn dann die anderen das für einen erledigen. Manche - Engländer - sollen die Besichtigung der von ihnen besuchten Länder oder Städte früher durch ihre Dienstboten haben erledigen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren ist bekanntlich „weit größer als die, es zu erleben; mit anderen Worten, im Abstrakten ereignet sich heute das Wesentlichere, und das Belanglose im Wirklichen“.
Raymond Roussel ist einer der wohl extremsten Vertreter unter den einsamen Weltentwerfern. Gänzlich aus der Einbildungskraft und deren Urgründen sollte diese erwachsen. Mit 17 beschreibt er in seinem Jugendwerk „Meine Seele“ (später „Victor Hugos Seele“) selbe als auszuschlachtende Mine, als Grubenanlage, zur Gewinnung „erzählerischen Erzes“. Glück auf! im Tunnel. Seine Maschinen sind Transformationsphantasien: „Hindernisse zu überwinden, Reiche zu durchqueren, Gefängnisse und Geheimnisse zu erobern, auf der anderen Seite der nacht wiederzuerscheinen, die schlummernden Erinnerungen zu besiegen (...) Sie erschließen einen Raum der schützenden Geschlossenheit, der zugleich ein Raum der wunderbaren Kommunikation ist“. Jede Neuerfindung lebt vom „Mythos des Aufbruchs, vom Verlust und von der Rückkehr, jene wechselseitigen Mythen des SELBST, das zum ANDEREN wird, und des ANDEREN, das im Grunde das SELBST war“

der Text enthält auch Gedanken und Anregungen von: Walter Benjamin, Gilles Deleuze, Michel Foucault, Robert Musil, Jules Vernes, Richard Sennet, Gertrude Stein und wahrscheinlich vielen anderen